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Die seelische Wunde im Blick haben

25.02.2019

Was bedeutet Flucht für Kinder und Jugendliche? Und wie können Haupt- und Ehrenamtliche sie bei der Verarbeitung ihrer Erfahrungen unterstützen? Diese beiden Fragen standen im Mittelpunkt eines Informationsabends, zu dem die Bürgerstiftung Westmünsterland ins Jugend-und Familienbildungswerk in Stadtlohn eingeladen hatte. Dr. Andres Sanchez Guerrero, Klinischer Leiter der Spezialsprechstunde für Flüchtlingskinder und ihre Familien am Universitäts-Klinikum Münster, referierte dabei zum Thema „Die seelische Wunde im Blick haben -Belastungen, Trauma und Trauma-Folgestörungen bei geflüchteten Minderjährigen“. In einem anschließenden Interview beantwortete er der Bürgerstiftung weitere Fragen zum Thema.

 

Gewalttätige Schlepperbanden, Vergewaltigungen, hilflose und ängstliche Erwachsene. Flüchtlingskinder haben viele zum Teil grausame Bilder in ihren Köpfen.
Welche Auswirkungen haben diese auf ihr Leben?

Dr. Sánchez Guerrero: Belastende Erlebnisse, denen ein Kind oder Jugendlicher über einen bestimmten Zeitraum hinweg ausgesetzt worden ist, können seine Widerstandsressourcen massiv überfordern. Sein Selbst- und Weltverständnis können dabei dauerhaft erschüttert werden. Das kann so weit gehen, dass junge Menschen in ihrem Alltag dramatisch einschränkt sind. In letzter Instanz ist ihre weitere seelische Entwicklung gefährdet.

Soll man die Kinder ermutigen, über das Erlebte und ihre Geschichte zu sprechen oder ist es besser abzuwarten, bis sie die Dinge thematisieren?

Dr. Sánchez Guerrero: Das hängt unter anderem vom Entwicklungsstand und vom Grade der momentanen Stabilität des Betroffenen ab. Es ist durchaus möglich, Kinder dazu einzuladen, ihre Geschichten zu erzählen, wenn man diese würdigt. Allerdings sollten mindestens drei Bedingungen erfüllt werden.

Welche Bedingungen sind dies?

Dr. Sánchez Guerrero: Wichtig ist zum einen, dass der Minderjährige in der Lage ist, die Ereignisse von der Bedeutung her einzuordnen. Zum anderen sollte er Nein sagen können, wenn er im Moment nicht darüber sprechen möchte. Und dieses Nein sollte unbedingt respektiert werden. Ferner sollte man einen groben Plan haben, wie man mit der Situation umgeht, sollte es durch das Erzählen zu einer Destabilisierung des Betroffenen kommen.

Woran erkenne ich als Laie, dass Kinder bei der Verarbeitung des Erlebten Unterstützung benötigen?

Dr. Sánchez Guerrero: Insbesondere bei kleinen Kindern ist es schwierig zu erkennen, ob eine Symptomatik in einem traumatischen Erlebnis seinen Ursprung hat. Denn die traumaassoziierten Verhaltensauffälligkeiten, die Kinder zeigen können, sind extrem vielfältig. Das reicht von Ängstlichkeit beim Einschlafen oder in Trennungssituationen bis hin zu einer erhöhten Reizbarkeit oder sogar aggressiven Verhaltensweisen. Laien kann es aber manchmal helfen, sich das Spielverhalten eines Kindes anzuschauen.

Was erkenne ich daran?

Dr. Sánchez Guerrero: Insbesondere bei jüngeren Kindern manifestiert sich eine Traumafolgestörung oft in der Wiederholung bestimmter Spielsequenzen. Diese beinhalten oftmals Elemente des traumatischen Ereignisses.

Wie kann ich als Laie diese Kinder und Jugendlichen unterstützen?

Dr. Sánchez Guerrero: Auch nicht therapeutisch ausgebildete Erwachsene haben viele Möglichkeiten, die psychische Gesundheit geflüchteter Kinder und Jugendliche positiv zu beeinflussen. Es geht aber dabei nicht um therapeutische Maßnahmen. Wichtig ist vielmehr, die soziokulturelle Integration der Betroffenen zu fördern

Das heißt?

Dr. Sánchez Guerrero: Wir neigen dazu, uns zu stark auf die ohne Zweifel schrecklichen Ereignisse zu fokussieren, denen die Betroffenen in ihren Heimatländern ausgesetzt wurden. Diese schlimmen Erfahrungen sind aber in der Regel nur der Anfang einer Kette von extrem belastenden und manchmal auch traumatisierenden Erlebnissen. Und diese endet leider nicht in dem Moment, in dem die Kinder und Jugendlichen in ein sicheres Land mit hohem Einkommen ankommen. Im Gegenteil: Auch hier werden sie Situationen ausgesetzt, die Studien zu Folge belastender für die Betroffenen sein können, als die ursprünglichen Ereignisse in ihrem Heimatland.


Welche Möglichkeiten sehen Sie, Freunde und Mitschüler in den Prozess mit einzubeziehen, ohne dass die Flüchtlingskinder stigmatisiert werden?

Dr. Sánchez Guerrero: Sehr viele. Allerdings geht es dabei nicht darum, die traumatischen Ereignisse zu thematisieren. Viel wichtiger ist es, den geflüchteten Minderjährigen ein Gefühl der Verbundenheit und des Angenommen-Werdens in der gastgebenden Gemeinschaft zu geben. Dies vermindert auch die aktuelle Belastung. Die Chance, dass die bestehenden seelischen Wunden heilen können, ist dann größer.
 

 

Foto: Dr. Sánchez Guerrero